Rettet die SG Wattenscheid 09!

Anlässlich der aktuellen Crowdfounding-Aktion zur Rettung der SG Wattenscheid 09 habe ich für das Pottblog aufgeschrieben, was mich mit diesem Verein verbindet und warum ich finde, dass man ihn unterstützen sollte. Ich bin seitdem ich denken kann Fan der SGW und seit vielen Jahren Mitglied von 09. Vor allem aber glaube ich, dass der Verein, der sich mit seiner integrationsstiftenden Jugendarbeit als wirklich gemeinnützig auszeichnet, in dieser Form erhalten bleiben muss. In meiner Zeit in der Öffentlichkeitsarbeit der SG Wattenscheid 09 habe ich eine Geschichte, die die Wichtigkeit des 09er-Nachwuchses illustriert, für unser Stadionmagazin aufgeschrieben und diesen Text nun wieder ausgegraben. Ich möchte ihn hier – neben dem eingangs verlinkten Text im Pottblog – veröffentlichen, um den einen oder die andere so zu annimieren, sich auch noch an der Rettungsaktion unserer SG Wattenscheid 09 zu beteiligen, danke dafür herzlich und wünsche eine sinnstiftende Lektüre.

Hier geht es zur Crowdfounding-Aktion „Wir sind SG Wattenscheid 09“.

Es ist ein Freitagabend kurz vor dem Beginn der neuen D-Jugend-Saison. Barosz Maslon steht auf dem Kunstrasenplatz an der Berliner Straße und erklärt der U12 der SG Wattenscheid 09 eine Übungsform. Der junge Mann ist seit dieser Saison Jugendtrainer in Wattenscheid. Engin Tuncay, seines Zeichens Trainer der zweiten Mannschaft und sportlicher Leiter des Nachwuchses, hatte ihm diesen Job angeboten, nachdem Maslon mit seinen Toren in der letzten Saison maßgeblichen Anteil am Bezirksliga-Aufstieg ‚der Zwoten‘ hatte. „Bartosz hat viele gute Ideen, es macht Spaß ihm dabei zuzusehen, wie er sie nach und nach umsetzt. Die jungen Spieler können eine Menge von ihm lernen“ freut sich Tuncay. Und viel erzählen kann Maslon seinen Schützlingen sicher auch, denn immerhin liegt hinter dem 28-jährigen eine bewegte Karriere, die in Essen begann und ihn über Polen zurück nach Wattenscheid führte. Doch erst einmal spricht er mit uns darüber.

Also immer der Reihe nach. Als der kleine Barosz zwei Jahre alt war, zog seine Familie aus Polen in die Ruhrgebietsmetropole. Seine Familie, dass sind neben ihm noch Vater, Mutter und seine beiden Brüder. Zwei Jahre später beginnt Bartosz mit dem Fußballspielen: „Mit vier Jahren und ohne richtig Deutsch zu sprechen habe ich mich damals ohne das Wissen meiner Eltern bei meinem ersten Verein, dem VfB Essen-Nord, angemeldet. Zu dieser Zeit war ich pummelig und habe meine ersten Schritte deswegen nur aus Spaß am Spiel unternommen“ erinnert er sich. Das änderte sich aber mit jedem Vereinswechsel ein bisschen mehr und so spielte der Heranwachsende in der Jugend noch für den PSV Essen, Rot-Weiß Essen, die SG Wattenscheid 09 und Rot-Weiß Oberhausen. Mit allen Stationen verbindet er bis heute etwas: „Beim PSV wurde ich von Dieter Klinger trainiert und habe mit seinem Sohn Mario (dem heutigen Kapitän der SGW, Anm. d. Red.) zusammen gespielt, er hat viel Talent in mir gesehen und mich entsprechend gut gefördert. Trotzdem ging es bei RWE noch einmal mehr zur Sache und ich bekam zum ersten Mal eine Aufwandsentschädigung: 150 € im Monat, viel Geld für einen 16 jährigen. Bei Wattenscheid 09 habe ich dann Niko Bungert kennengelernt und zum ersten Mal in der Regionalliga gespielt. Und nach Oberhausen bin ich zusammen mit Engin Tuncay gewechselt, seitdem sind wir gut befreundet.“

Doch die Höhepunkte seiner Jugendzeit waren zweifellos die Auswahlspiele mit der polnischen U16-Nationalmannschaft: „Ich habe zwar auch in der Niederrhein-Auswahl gespielt, die ganzen landesinternen Cups mitgemacht und wurde sogar für ein Sichtungstraining der deutschen Jugendnationalmannschaften eingeladen, doch damals war es noch so, dass man die Landesauswahl nicht mehr wechseln konnte, wenn man sich einmal festgespielt hatte. Deswegen musste ich mich, als für die U16 die erste Einladung einging, endgültig entscheiden und weil ich zu Hause polnisch erzogen wurde und meine Wurzeln dort auch nicht vergessen wollte, habe ich mich eben für die polnische Auswahlmannschaft entschieden und für sie zwei Länderspiele absolviert.“ Gerade das erste Länderspiel gegen die Ukraine war für ihn etwas richtig Besonderes: „Es war ein ganz tolles Gefühl, im polnischen Trikot einzulaufen, boah, es war das größte, was ich als Fußballer erlebt habe. Als wir dann zur Nationalhymne aufgestellt waren, liefen bei mir die Tränen. Ich war so heiß auf dieses Spiel, bin 90 Minuten durchgerannt und dachte ich könne Berge versetzten – Na ja, immerhin habe ich beim 2:0-Sieg beide Treffer erzielt (schmunzelt). Das zweite Spiel ging 2:2 aus und ich wurde erst zur 80. Minute eingewechselt. Trotzdem war es toll. Heute würde ich mich wahrscheinlich anders entscheiden, doch ich möchte diese Erfahrungen auch nicht missen.“ Nur ein Wermutstropfen trübt seine Erinnerung: „Ich fand es als Kind, beziehungsweise Jugendlicher immer toll, wenn mein Vater auf der Tribüne saß und mir beim spielen zugesehen hat. Und deswegen war er auch oft dabei. Aber ausgerechnet bei meinen beiden Länderspielen konnte ich er nicht zusehen. Dafür saßen meine Brüder auf der Tribüne und habe mich unterstützt. Sie haben Papa gut vertreten.“

Nun war Barosz Maslon jedenfalls heiß und wollte sich seinen Traum vom Fußballer-Leben auf jeden Fall erfüllen. Und mit 18 Jahren bot sich dafür eine erste ungewöhnliche Gelegenheit: „Das war eigentlich Zufall. Ich habe in den Ferien Urlaub in Polen gemacht und mich da auch fit gehalten, diesmal bei den Senioren von Korona Kielceeines, einem damaligen Erstligisten. „Denen war ich zuvor wohl aufgefallen und deswegen hatten sie mich gefragt. Ich durfte sogar in zwei Freundschaftsspielen als Gastspieler mitwirken. Anschließend haben Trainer und Präsident zu mir gesagt, dass sie Interesse an mir haben und mich in ihr Büro bestellt.“ Was dann folgte kann Maslon bis heute kaum glauben: „Das ist wirklich eine kuriose Geschichte. Ich saß den beiden in ihrem Büro gegenüber und sie haben mich zwei Minuten lang regungslos angestarrt. Das hat mich ganz schön eingeschüchtert, ich wusste damals echt nicht, was ich machen sollte. Aber ich hätte ihnen in diesem Moment wohl Geld rüber schieben sollen, hat man mir später gesagt, doch das kam für mich nicht infrage und deswegen haben sie mich weg geschickt, weil ich noch nicht reif genug für dieses Geschäft sei.“ Ein Glücksfall, denn nur wenige Wochen später wurde dem Verein wegen Korruption die Lizenz entzogen.

Zurück in Deutschland schloss sich Maslon der Spielvereinigung Velbert an, „weil wir jungen Spieler in Oberhausen damals keine Perspektive hatten“ erinnert sich der damals 18-jährige. An der Sonnenblume sollte er sich in seinem ersten Seniorenjahr über die zweite Mannschaft für den Oberliga-Kader anbieten, was ihm auch gelang, gleich dreimal, wie er heute flachst: „Es war nämlich immer so, dass ich, wenn ich mich unter einem Trainer aufgedrängt hatte, oben mittrainieren und mitspielen durfte, bis dieser ausgetauscht wurde. Dann musste ich wieder zurück in die zweite Mannschaft und mich neu aufdrängen. Das habe ich zwar unter Frank Kurth, Hans-Günther Bruns und Dietmar Grabotin immer wieder geschafft, aber als Grabotin, unter dem ich erstmals Stammspieler in der Oberliga wurde, auch noch gefeuert wurde, dachte ich: Es reicht, jetzt probierst du es noch mal in Polen!“ Da war er 22 Jahre alt. „Und weil ich wusste, dass man in Polen nur mit Kontakten etwas reißen kann, habe ich über das Fifa-Portal nach einem Berater gesucht und bin dabei auf Andrzej Szarmac (ehemaliger polnischer Nationalspieler, WM-Kader 1974 d. Red.) gestoßen. Der konnte mir viele Türen öffnen und hat mich zuerst in der zweiten Liga bei Znicz Pruszkow, dem Heimatverein von Robert Lewandowski, untergebracht.“ Mit Robert Lewandowski konnte Maslon, der in seiner Karriere immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen wurde, nur wenige Male zusammen auflaufen: „Aber zwei, drei gute Spiele als Sturmpartner haben wir schon zusammen gemacht“ sagt er. Ihm bedeute das viel, schließlich sei der Wechsel nach Polen schon eine gewaltige Umstellung gewesen: „Ich habe schnell gemerkt, dass es ein anderes Kaliber ist, als das, was ich bisher so kannte. Ich kam ja aus der Oberliga und war da ein junger Bursche, der sich beweisen wollte und dann spielte ich in Polen gegen gestandene Profis.“ Die es ihm nicht immer leicht gemacht haben: „Es war ein Haifisch-Becken. Die anderen Spieler haben mir wenig gegönnt, dazu kommt, dass sie mich mit meiner Herkunft aufgezogen haben: Sie nannten mich immer ‚Jürgen‘ und nicht Bartosz, weil ich für sie ein Deutscher war.“ Dazu immer wieder diese Verletzungen, so dass „ich schließlich einsehen musste, dass es nicht reicht und mich in die dritte Liga ausleihen ließ, um Spielpraxis zu sammeln.“

Das Niveau in Polen sei stark unterschätzt, blickt Maslon auf diese Zeit zurück: „Viele Leute denken, die zweite Liga in Polen sei wie die Oberliga in Deutschland, aber da stimmt nicht. Es gibt viele gute Mannschaft in der Liga, viele gute Spieler. Wir haben ein Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC Berlin bestritten und nur 1:2 verloren, das zeigt ja, dass Qualität vorhanden ist. Insgesamt sehe ich die zweite Liga in Polen auf einem Niveau mit der dritten Liga in Deutschland.“ Für den polnischen Fußball hingegen findet er kritische Worte: „Das ist mein Thema, ich habe es ja selbst erlebt. Der polnische Fußball ist leider immer noch ziemlich korrupt. Und viele Vereine verfolgen eine falsche Politik, kaufen Spieler aus dem Ausland oder einzelne große Namen, statt auf die eigene Jugend zu setzten und etwas aufzubauen. Ich finde das sehr schade.“

Zurück in Deutschland nahm sich Bartosz Maslon deswegen erst einmal eine Auszeit vom Fußball und begann mit einem seiner Brüder ein Übersetzungsbüro in Essen aufzubauen. Damit ist er heute auch neben dem Platz sehr erfolgreich: „Deutschland bietet sehr viel. Der Staat lässt dich nicht fallen, das ist schön. Meine Eltern haben uns immer gesagt, dass es hier sehr viele Möglichkeiten gibt und wir sie deswegen auch nutzten sollen. Deswegen haben mein Bruder und ich uns ein Stück weit ins Risiko getraut und uns mit dem Übersetzungsbüro selbstständig gemacht. Das haben wir uns nach und nach selbst aufgebaut und inzwischen sind wir so gefestigt, dass wir davon leben können.“ Nebenher begann Maslon auch noch einmal Fußball zu spielen: „Engin Tuncay hatte mir erzählt, dass er hier in Wattenscheid die zweite Mannschaft übernimmt und mich gefragt, ob ich nicht mitspielen wolle. Ich habe eine Zeit lang überlegt und mich dann dazu entschieden, es zu machen. Und es hat mir noch einmal richtig Spaß gemacht, auch weil ich sehr häufig getroffen habe und von Andre Pawalak deswegen die Möglichkeit bekommen habe, noch einmal oben, dieses Mal sogar in der Regionalliga, anzugreifen. Leider hat mich dabei wieder eine Verletzung gestoppt.“

Und so zog Barosz Maslon nach dem Bezirksliga-Aufstieg der zweiten Mannschaft in der vergangenen Saison einen Schlussstrich unter seine Spielerlaufbahn und übernahm die Wattenscheider U12, wieder auf Bitten Engin Tuncays. Tja und so steht er da nun, auf dem Platz und hat sichtlich Freude daran sein Wissen und seine Ideen zu vermitteln: „Es macht wirklich großen Spaß mit den Jungs“ bestätigt er gegen Ende unseres Gesprächs und nennt seine Ziele als Trainer: „Ich möchte, die Jungs bei ihrer Entwicklung zu helfen und zu fördern und ihnen all das Gute zeigen, was es im Fussball gibt, aber auch auf das Schlechte aufmerksam machen damit sie auf alles vorbereitet sind und selbstbestimmt ihren Weg gehen können.“ Barosz Maslon jedenfalls, hat ihnen das zweifellos vorgemacht.