dpatopbilder - 17.08.2020, Berlin: Christian Lindner, FDP-Parteivorsitzender, stellt auf einer Pressekonferenz Volker Wissing (r) als möglichen neuen Generalsekretär vor. FDP-Chef Lindner will schon im September den rheinland-pfälzischen Wirtschaftsminister Wissing seiner Partei als Generalsekretär vorschlagen. Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

LINDNER-LÜGE ZUR 4-TAGE-WOCHE: FDP-CHEF BEFÜRCHTET FACHKRÄFTEMANGEL UND WOHLSTANDSVERLUST I Jan Bühlbecker für REVOLTE

Die 4-Tage-Woche ist DAS arbeitspolitisches Thema des Jahres. Sie hat viele Anhänger*innen. Und einen prominenten Gegner: FDP-Chef Christian Lindner.

Viele Argumente sprechen für eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich: Die Gesundheit der Beschäftigten wird geschützt, eine gerechtere Aufteilung von Care-Arbeit ermöglicht, der Fachkräftemangel bekämpft und die Produktivität gesteigert. Und sie würde zivilgesellschaftliches Engagement stärken.

Vier-Tage-Woche: Ein Booster für die Wirtschaft

Das zeigt unter anderem das Beispiel einer Thüringer Dachdecker-Firma: Rocco Funke führt in Eichsfeld seinen Handwerksbetrieb und hat ihn auf die 4-Tage-Woche umgestellt. Das Ergebnis: Statt – wie die Konkurrenz – unter dem Fachkräftemangel zu ächzen, kann er frei entscheiden, wen er einstellt. Seine Mitarbeiter*innen sind glücklicher und gesunder. Und: Sein Umsatz ist gestiegen – um ganze 50%!

Das Beispiel von Funke ist dabei kein Einzelfall. Auch eine Studie aus Großbritannien bestätigt positive wirtschaftliche und persönliche Entwicklungen: “Bei den Beschäftigten konnten wir feststellen, dass die Zahl der Fehltage deutlich zurückgegangen ist”, sagt Will Stronge, der wissenschaftliche Leiter der Studie. Insgesamt beobachtet er ein Minus von 65 %.

Außerdem seien die Arbeitnehmer*innen ausgeruhter, die Studie zeigt einen Rückgang von Schlafproblemen um 40 %, und arbeiten deswegen effektiver.

Die Studie zeigt zudem, dass deutlich weniger Personen langfristig ausfallen, beispielsweise wegen eines Burnouts. Wichtig, erklärt der Wissenschaftlicher: “Im Vereinigten Königreich wie in vielen anderen Ländern auch erleben wir eine Epidemie der psychischen Krankheiten. Stress, Angstzustände, Depressionen – Ohne 4-Tage-Woche verlieren wir deswegen viele Millionen Arbeitstage.”

Und: Auch die Lebensqualität der Beschäftigten stieg durch die 4-Tage-Woche an: 70 % der Befragten berichteten von spürbaren Verbesserungen ihrer Work-Life-Balance. “Wir beobachten eine große Zufriedenheit bei den Beschäftigten”, berichtet Stronge.

Aha!

Christian Lindner: Ideologie statt Wirtschaftskompetenz

Was zu diesen Erkenntnissen gar nicht passt? Die Haltung von Finanzminister Christian Lindner (FDP) zur 4-Tage Woche!

In einem Interview sagt der: “Angesichts des Fachkräftemangels müssen wir im Gegenteil alles unternehmen, um zum Beispiel ungewollte Teilzeit durch bessere Kinderbetreuung zu beenden und den späteren Renteneintritt attraktiv zu machen.”

Das ist das Gegenteil des Erfolgskonzepts von Handwerker Funke und den Studien-Ergebnissen aus Großbritannien. Denn unattraktivere Arbeitsbedingungen, wie Lindner sie beispielsweise mit einem späteren Renteneintritt fordert, BEFEUERN den Fachkräftemangel statt ihn zu STOPPEN!

Lindner weiter: “Es gibt kein Beispiel in der Geschichte, dass eine Gesellschaft ihren Wohlstand gesichert hat, indem sie weniger gearbeitet hat.”

Und auch das ist SCHLICHTWEG FALSCH! Allein in den letzten 30 Jahren hat sich die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland um mehr als drei Stunden verkürzt, während der Wohlstand allein in den letzten 10 Jahren um knapp 30% gestiegen ist!

Willkommen in Deutschland, Herr Finanzminister!

Das zeigt: Lindners Ablehnung der 4-Tage-Woche hat nichts mit Fakten zu tun, sie ist schlichtweg ideologisch. Und sie ist wenig hilfreich: Denn wir brauchen eine Politik, die den Fachkräftemangel bekämpft, etwas für Gleichstellung und Demokratie tut und die Gesundheit von Arbeitnehmer*innen schützt statt FDP-Ideologie auf der Regierungsbank.