Wir haben die Sprache. Und die ist womöglich das Maß unserer Leben.

CC BY-SA 2.0 by Angela Rudulescu

„Ich will sehen, wie ein schwarzer Polizist einen unbewaffneten weißen Teenager in den Rücken schießt. Und ich will sehen, wie ein weißer Mann verurteilt wird, der eine schwarze Frau vergewaltigt hat. Und wenn man mich dann fragt: ‚Ist es vorbei?‘, Dann sage ich: ‚Ja‘.“

Toni Morrison war eine Antirassistin. Und eine Frau, die an jedem Tag bewiesen hat, wie falsch Rassismus ist – Mit großartiger Literatur, als erfolgreiche Lehrerin und Professorin und mit ihrem beeindruckenden Lebenswandel. Sie ist ein Vorbild für Women of Coulor und für viele Menschen, die an eine offene und friedvolle Welt glauben. Und ja, ich bewundere sie.

Morrison wurde als Chloe Wofford im Jahr 1931 in Lorain im US-Bundesstaat Ohio geboren. Als sie in die Schule kam, war sie nicht nur das einzige Kind mit schwarzer Hautfarbe – sie war auch das einzige Kind, das schon lesen und als erstes schreiben konnte. Früh änderte sie ihren Vornamen in Toni ab, um von anderen besser angesprochen werden zu können. Sie studierte Anglistik und unterrichtete englische Literatur. An der Elite-Universität Princeton lehrte sie noch bis 2006 kreatives Schreiben. Während ihrer frühen Schaffensjahre arbeitete sie zudem als Lektorin für große Verlagshäuser. 2012 wurde sie vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama mit der Medal of Freedom, der höchsten zivilgesellschaftlichen Auszeichnung der Vereinigten Staaten, ausgezeichnet.

Denn vor allem galt Toni Morrison als eine der einflussreichsten afroamerikanischen Autorinnen der USA. Den Beginn ihrer literarischen Karriere markierte 1970 schon 39-jährig „Sehr blaue Augen„. Darin erzählt sie die Geschichte eines schwarzen Mädchens, das von seiner Mutter verachtet und seinem Vater missbraucht wird und sich nichts mehr wünscht als ausgerechnet blaue Augen zu haben. Es war das Buch, das sie immer habe lesen wollen, das es aber noch nicht gab, wie Morrison gerne erzählte. Also stand die geschiedene alleinerziehende Mutter zweier Söhne jeden Morgen um vier Uhr auf und schrieb es. In der Folge wird der verinnerlichte Rassismus und seine komplex-verzweigte Psychologie zu einem von Morrisons beiden literarischen Hauptthemen. Und so folgten weitere Erfolgsromane, die sich millionenfach verkauften, wie „Sula„, „Solomons Lied„, „Teerbaby„, „Jazz“ und das 500-Seiten-Werk „Paradies„. Für den Sklavenroman „Menschenkind“ gewann sie 1988 den Pulitzer-Preis. 2017 erschien ihr Roman „Gott, hilf dem Kind“ auf Deutsch. Und auch noch in ihrem letzten Buch „Die Herkunft der Anderen“, einem im vergangenen Jahr veröffentlichten Essayband, analysiert sie, wie „kulturelle, körperliche oder rassische Merkmale“ zur Abgrenzung und dann hierarchisierend oder wertend verwendet werden – und wie sie selbst erfahren hat, „was einen wertloser, weil anders macht“. Sie erzählt darin, wie ihre Urgroßmutter, eine „teerschwarze Frau“, entsetzt darüber gewesen sei, dass sie und ihre Schwester von etwas hellerer Hautfarbe waren, als „erpfuscht“ empfand die Urgroßmutter die beiden Mädchen gar. Gleichzeitig stellte sich Toni Morrison, das zeigen die zumeist weiblichen Hauptdarstellerinnen in ihren Geschichten, auch gegen patriachale Strukturen und die Unterdrücken, ja, insbesondere die mehrfach Diskriminierung (farbiger) Frauen*.

Es ist diese Ambivalenz, die Morrison in ihren Büchern immer wieder reflektiert hat, wie Fremdheit und Anderssein gleichermaßen konstruiert und behauptet werden. Ihre Werke waren in diesem Geiste auch geprägt von schmerzhaften Gesellschaftsanalysen, 2016 sagte sie im Rahmen einer Vorlesereihe an der Havard University: „Die Notwendigkeit, die Sklaven zu einer fremden Art zu erklären, scheint ein verzweifelter Versuch zu sein, sich seiner eigenen Normalität zu versichern.“ Die Sklaverei ist dann auch das große andere Thema in Morrisons Werk – Immer vor dem Hintergrund, wie Sklaverei und Rassismus sich gegenseitig bedingen, wie erstere letzteren hervorgebracht hat.

1993 erhielt sie für ihr beeindruckendes Lebenswerk und ihre deutlichen Worte als erste Afroamerikanerin den Literaturnobelpreis. Die Jury lobte dabei ihre „visionäre Kraft und poetische Prägnanz“, mit der sie eine wichtige Seite der amerikanischen Gesellschaft beleuchte: Dem Kampf gegen den Rassismus und für die Gleichberechtigung afroamerkanischer Bürger*innen. Die literarische Leistung Morrisons besteht darin, dass sie mit ihren überwiegend weiblichen Heldinnen nicht allein eine engagierte Literatur geschrieben hat, sondern sie es verstand, politische Diskurse und literarische Poesie miteinander zu verknüpfen – diese Kombination und die Empathie, die jedes ihrer Werke bei den Leser*innen auslöste sowie das Empowerment, dass sie anderen Women of Coulor zukommen ließ, sind nahezu einzigartig.

Worte können die Welt verändern – Und das vor allem dann, wenn sie von einer außergewöhnlichen Autorin wie Toni Morrison auf diese analytische, erzählende und mitfühlende Art und Weise erzählt werden. Sie selbst beschrieb die Bedeutung des Wortes einmal so: „Wir haben die Sprache. Und die ist womöglich das Maß unserer Leben.“ Analyse und Engagement waren ihr zeitlebens gleich wichtig. Und diese Gesamtheit beeindruckt mich an ihrem Lebensweg in außergewöhnlicher Weise. Doch ihr Kampf ist – wie oben von ihr selbst beschrieben – noch nicht gewonnen. Weder in den USA, dort erst recht nicht unter Trump, der sowohl den Rassismus als auch den Sexismus, den Toni Morrison immer entschieden bekämpft hat, in sich zu vereinen scheint und auch nicht irgendwo anders auf der Welt. Am Montagabend starb sie nun im Alter von 88 Jahren, hochgeschätzt und bewundert, millionenfach gelesen, zitiert und zu unser aller Leidwesen doch irgendwie unvollendet. Aber es bleiben ihre Worte – als Mahnung, Mutmacher und Auftrag an uns alle, ihren Kampf in ihrem Stil fortzusetzen, zu analysieren, zu kämpfen und zu erzählen. Denn eine Welt ohne Rassismus und Sexismus ist möglich! In diesem Sinne: Ruhe in Frieden, Toni Morrison – Und wir machen weiter!